Die Marburger Evangelische Tracht ist Tracht des Jahres 2018

Die Marburger Evangelische Tracht hatte das größte Verbreitungsgebiet in Hessen und war im Landkreis Marburg-Biedenkopf und darüber hinaus beheimatet. Sie entwickelte sich wahrscheinlich im ausgehenden 18. Jahrhundert im Ebsdorfergrund und wurde in der Literatur erstmals durch ein von Ferdinand Justi gemaltes Stülpchen von 1787 nachgewiesen. Somit wäre sie in der Entwicklungsgeschichte der hessischen Trachten eine der jüngsten Kleidungsformen, die sich in dieser Form bis zur Gegenwart erhalten konnte. Mit ihrer bis dahin unbekannten Farbigkeit verdrängte sie die zuvor im Landkreis beheimatete Schneppekappentracht.

Die Marburger Evangelische Tracht weitete sich stetig aus. Eine Ausnahme bildeten jedoch die katholischen Dörfer im Ostkreis mit einer eigenständigen Tracht.

Im Laufe der Zeit hat sich die Marburger Evangelische Tracht immer weiterentwickelt und moderne Facetten in ihr Erscheinungsbild aufgenommen, bei den Abendmahls- und Trauertrachten jedoch ihren „konservativen“ Stil beibehalten.

Mit dieser Sitte ging sie mit den meisten deutschen Trachtenlandschaften konform. Über nahezu 200 Jahre hat die Marburger Evangelische Tracht die tradierten Schnitte der einzelnen Kleidungsstücke, wie Rock, Schürze Mieder, Jacke und Haube, beibehalten.

Die Marburger Evangelische Tracht um 1930
Die Marburger Evangelische Tracht um 1930

Sie unterlagen aber einem stetigen Wandel. Neue Materialien wurden von der jungen Generation aufgenommen, während andere nach und nach aus der Mode kamen. Die Marburger Tracht bot so den Frauen einen entsprechenden kreativen Spielraum. So konnte sich die Tracht über Generationen erhalten. Es ist in Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts einzigartig, dass man im Jahr 1930, lt. Aufzeichnungen von Rudolf Helm, im Landkreis Marburg-Biedenkopf und darüber hinaus, nahezu 20.000 Trachtenträgerinnen in 164 Dörfern zählte.

Die Männer legten bereits um 1900 die traditionellen Kleidungsstücke ab. Zu Festlichkeiten wie z.B. der Kirmes, hielten sich noch bis ins 20. Jahrhundert hinein, die aufwendig in Kreuzstichstickerei angefertigten Hosenträger. Dazu gehörte ein weißes Leinenhemd mit Weißstickereien und Westen aus Samt, Atlasseide und Brokatstoffen. Als Beinkleider hatten sich mittlerweile lange Hosen aus Tuchstoffen oder feinem Cord durchgesetzt.

Des Weiteren ist der blaue „Hessenkittel“ mit teils aufwendigen Stickereien auf den Schulterpassen und den Ärmelbündchen bekannt. Dazu die blau-weiße, so genannte „Glockebätzel“.

Bis zur Gegenwart passen die Trachtenträgerinnen ihre Kleidungsweise ihrer jeweiligen Lebenssituation an und unterscheiden strikt zwischen Kirchgangs- und Sonntagstracht, Arbeitstracht oder sogenannter „halbguter Kleidung“.

Lediglich die Haarfrisur, der Schnatz, ist immer gleichgeblieben und wurde mit dem darauf befestigten Stülpchen das charakteristischste Merkmal und somit zum Symbol für die „Hessentracht“.

Die Marburger Evangelische Tracht im Jahr 2010
Die Marburger Evangelische Tracht im Jahr 2010

Im Jahr 2018 leben noch 19 authentische Trachtenträgerinnen.

Mehr über die Marburger Evangelische Tracht in unserem Trachtenatlas

Veröffentlicht von

Jean-Pierre Papstein

In 2010 feierte die HVT das 60. Erscheinungsjahr der "Hessenland-Mitteilungen" (HLM), die im gleichen Jahr wie die HVT (1951) von Walter Gutjahr kreiert wurden. Nach der Wahl von Gerd Schwinn zum Landesvorsitzenden übernahm im Jahr 1985 Christoph Müller die Redaktion. Nach dessen Wegzug lag die redaktionelle Arbeit in den Händen von Jürgen Hartmann und ab 1993 bei Karl-Heinz Müller. Von 1997 bis 2008 war Reinhard Bettner "vorübergehender" Redakteur der HLM und es wurde lange Zeit nach einem Nachfolger gesucht, der dann in 2008 mit der Unterstützung des amtierenden Landesvorsitzenden in mir gefunden wurde. Ich habe mich natürlich nicht lange bitten lassen um Mitglied in diesem tollen Team zu werden. Durch meine Mitarbeiter in der Fachgruppe Öffentlichkeitsarbeit und der federführenden Onlineadministration kam ich in 2007 zur HVT. Zuvor war ich als Gruppenleiter in der Trachtentanzgruppe Breidenbach im Bezirk Mitte aktiv und engagierte mich gemeinsam mit Freunden im BkJ. Die redaktionelle Arbeit und die technische, planerische und gestalterische Tätigkeiten machen mir am meisten Spaß und beschäftigen mich viele Stunden. Zur Erstellung der HLM stehen mir weitere Personen als Redaktionsteam zur Seite. Derzeitig lebe ich in Unterfranken, meine Heimat bleibt aber Hessen. Daher trage ich auch weiterhin zu Anlässen, und solange ich noch nicht verheiratet bin, die Burschentracht des Breidenbacher Grundes im Untergericht.

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