Marburger Katholische Tracht

Vorstellung

Die 19 katholischen Dörfer im alten Amt Amöneburg und in den Gerichten Neustadt und Katzenberg waren die Orte einer besonderen katholischen Teilkultur. Nach der Verlagerung des kirchlichen Zentrums von Mainz nach Fulda erfolgte eine Neuorientierung im Jahre 1821. Die Trachten der katholischen Dörfer nahmen die Farben und Formen aus dem Fuldaer Land an. Es begann damit, dass man das „Halstuch“ (Brusttuch) aus Fulda um 1860 und das Kopftuch um 1890 aus der Rhön annahm. Das Idealbild der Katholischen Marburger Tracht entfaltete sich an Sonn- und Feiertagen. Dann zeigten die Trachtenfrauen ihren schönsten Staat. Alle Trachtenstücke waren farblich aufeinander abgestimmt und man legte großen Wert auf ein harmonisches Gesamtbild der Tracht.

Die Frauentracht

Frau in Marburger Katholischer Tracht
Frau in Marburger Katholischer Tracht
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Die Kappe

Marburger Katholische Tracht Kappe
Marburger Katholische Tracht Kappe
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Die Kappe, auch Haube genannt, ist eine flache „Betzel“ mit großen Perlen und Metallplättchen besticktem Boden und breiten Bändern, die in einer kurzen und an den Enden bestickten Schleife im Nacken herabhängen. Festgehalten wird die Kappe mit schwarzen Kinnbändern. Zum Ende des 19. Jahrhunderts kam die Kappe aus der Mode und das Kopftuch hielt Einzug.

Die Haartracht

Bei den Kindern im Vorschulalter werden vier straff um den Kopf gelegte Zöpfchen getragen. (biedermeierliche Frisur). Nach dem Wegfall der Kappen änderte sich die Frisur, es wurde die sogenannte Gretchenfrisur getragen. Die Haare werden dabei hinten zu zwei Zöpfen geflochten und rund um den Kopf gelegt.

Das Hemd

Das Unterhemd besteht aus Leinen oder leichter Baumwolle in der Farbe weiß. Der Hemdenschnitt ist gerade mit Keileinsatz an den Ärmeln. Leinenunterhemden haben an den Ärmelenden typische Hessenstickerein oder bei Baumwollhemden weiß verzierte Wäschespitze.

Das Leibchen

Das Leibchen besteht in der Regel aus feinstem Plüschstoff oder Atlas, bunt gesticktem Samt und für den Alltag aus einfachem Leinen. Das Leibchen für die Festtage oder für besondere Anlässe ist noch um die Ärmel mit Band oder Gimpe besetzt. Es ist recht einfach geschnitten so nach einer Art Weste und wird mit einem Ärmelausschnitt und einem Halsausschnitt versehen. Der Stoff ist mit einem Leinenstoff unterlegt. Am Ende des Leibchens ist ein Stoffwulst angenäht (Wurscht). Auf dieser Stoffwulst hat der Rock seinen festen Halt.

Der Unterrock

Neben dem weißen Unterrock trägt die Trachenfrau einen roten Unterrock aus feinem roten Tuch mit grünem Bandbesatz.

Der Rock

Der Stoff für den Festtagsrock besteht aus feinem Tuch, der im oberen Drittel in Falten gelegt ist. Am unteren Saum wird zum Schutz eine mehrfarbig Kordel angenäht. Ihr folgt ein geblümtes Seidenband. Darüber kommt ein breites Moiréband, welches mit farbigem Garn in unterschiedlichen Mustern abgesteppt wird. Weiterhin wertet man die Zwischenräume der entstandenen Muster mit verschiedenen Zierstichen von Hand auf.
Zur festen Aussteuer jeder Trachtenfrau gehörten der blau-rot gesprenkelte, der mäusefahle, der flaschengrüne und der schwarze Rock.
Erwähnenswert ist auch, dass in den Katholischen Dörfern unterschiedliche Farbregelungen üblich war. So war z.B. in Mardorf an den ersten Feiertagen Grün an den zweiten Feiertagen Blau mit dem mausgrauen Rock vorgeschrieben. Die Kirchgängerin richtet sich bei der Auswahl ihrer Kleidung nach den ortsüblichen Gepflogenheiten.

Die Jacke (Motzen)

Marburger Katholische Tracht Motzen
Marburger Katholische Tracht Motzen
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Die Motzen bestehen aus Tuch, Plüsch oder Atlas. Die Hauptfarben der Motzen sind rot, grün, blau und veilchenblau, die am unteren Saum der Röcke und Schürzen in ein oder zwei „Gimpen“ wiederkehren. Der Halsausschnitt der Motzen ist rund und hoch angesetzt.
Am Halsausschnitt ist die sogenannte Frisur, ca. 5 cm breit und in Falten gelegt. Die Falten werden auch mit einem Stoffband eingefasst und vernäht.
Die Jacke ist an den Ärmeln sowie an der Jackenöffnung mit einem bunten Band versehen.

Die Schürze

Marburger Katholische Tracht Schürze
Marburger Katholische Tracht Schürze
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Die Schürze ist aus Atlasstoff oder einem Wollstoff genäht, für den täglichen Gebrauch auch aus einfachem Leinen. Die Festtagsschürzen sind in der Mitte des Schürzenendes mit den Anfangsbuchstaben und dem Geburtsjahr der Trägerin gestickt. Wie bei dem Rock sind am oberen Ende die Falten „gefangen“. Die Falten werden dann mit dem Schürzenband zusammengenäht. Das Schürzenband ist in der Regel mit dem Rocksaum gleich, nur eben schmaler. Das untere Ende der Schürze wird mit einer Gimpe verziert.
Zur Ausstattung der Festtagstracht gehört der sogenannte Taschensack, da nicht jeder Rock einen eingearbeiteten Taschenbeutel hat. Der trapezförmige Schnitt ist mit allerlei Borten und anderen Posamenten geschmückt. Meist hat die Trägerin ihren Namen oder ihre Initialen aufgestickt. Gehalten wird der Sack von einer Kordel oder einem schmalen Stoffbändchen, das man um die Taille bindet. Man positioniert ihn an der rechen Seite, sodass die Schürze ihn gänzlich verdeckt.

Das Halstuch

Neben den einfachen Stoffhalstüchern gehören die gestrickten Tücher in jede Truhe einer Trachtenträgerin, so zum Beispiel in den Farben: grün mit rot (bunt) oder dunkel, lila mit rot (bunt) oder dunkel, blau mit rot (bunt) oder dunkel. Das Halstuch wird vom Rücken her gestrickt links, rechts im Kästchenmotiv und anschließend nach den gewünschten Mustern mit Rosenblüten, Stiefmütterchen, Rosenblättern oder mit dem Brot und Weinmotiv aufgestrickt. Die Muster sind mit Blattstich oder Kreuzstich gestickt. Am Rand ist das Halstuch mit derselben Wolle umhäkelt.

Die Strümpfe

Marburger Katholische Tracht Strümpfe
Marburger Katholische Tracht Strümpfe
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Die Strümpfe der Frau waren die sogenannten „Zwickelstrümpfe“. Die weißen Strümpfe der jungen Mädchen haben stets bunte Zwickel. Das reifere Alter trug grüne, blaue oder violette Muster passend zur Tracht. Blaue Zwickelstrümpfe haben immer einen weißen Zwickel. Sie sind dem ersten Feiertag (Weihnachten, Ostern, Pfingsten) vorbehalten.

Die Männertracht

Mann in Marburger Katholischer Tracht
Mann in Marburger Katholischer Tracht
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Die Männertracht wurde schon sehr früh abgelegt. Daher ist es leider nicht möglich, eine Männertracht zu beschreiben, die zeitgleich mit der Frauentracht unserer Tage getragen wurde. Nur wenige Männer haben Trachtenteile (wie Hosen, Weste, ‘Ärmelding’, Kirchrock und Dreimaster) mit ins 20. Jahrhundert genommen. Bei Männerkleidung kennt man nicht die klassischen Trachtengebiete wie bei den Frauentrachten. Sie war vielmehr über Gebiets- und teilweise Landesgrenzen hinweg verbreitet. Wir beschreiben daher die Tracht in der Form, wie sie in vielen Tanzgruppen getragen wird.

Kopfbedeckung

Marburger Katholische Tracht Kopfbedeckung
Marburger Katholische Tracht Kopfbedeckung
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Früher trugen die Männer bei feierlichen Anlässen den Dreispitz, welcher so ab 1880 vom Zylinder abgelöst wurde. Getragen wurde auch abends zum Gang ins Wirtshaus das sogenannte Mäsje. Es war aus Samt, bestickt oder mit Perlen besetzt. Verbreitet waren im 19. Jahrhundert auch die Zipfelmütze und die Glockenkappe (Glockebetzel), die zur Arbeit getragen wurde.

Hemd

Das Hemd war aus Leinen in der Farbe weiß und knielang. An Schulter und Ärmelbündchen fein eingelesen und an Kragen, Passe und Ärmelbündchen mit Weißstickerei bestickt. Die Hemden hatten entweder einen Umlegekragen oder einen Stehkragen. Um den Hals trug man ein Schweißtuch (rot oder blau), bei feierlichen Anlässen in schwarz, damit der Kragen nicht so schnell schmutzig wurde.

Weste und Ärmelleibchen

Marburger Katholische Tracht Weste
Marburger Katholische Tracht Weste
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Die Weste war aus schwarzem Samt mit bunten Blümchen bestickt oder aus farbiger Atlasseide gefertigt. Sie war hochgeschlossen und mit zwei Knopfreihen und einem kleinen Stehbund oder Umlegekragen versehen. Das Rückenteil bestand aus einfarbigem Stoff (Satin, Leinen usw.). Solch eine Weste trug man im Sommer „ohne etwas darüber“. Im Winter legte der Bauer das so genannte ‚Ärmelleibchen‘ an. Dieses bis zur Hüfte reichende Kleidungsstück wurde ebenfalls aus besticktem Samt oder aus einem dunkelfarbigen, gemusterten Rips- oder Wollstoff gefertigt. Diese waren hochgeschlossen, mit zwei Reihen Glasknöpfen versehen und hatten einen Stehbund oder einen kleinen Umlegekragen.

Hose und Hosenträger

In früher Zeit trug man so genannte Kniebundhosen aus Leinen, schwarzem Manchestersamt oder Leder. Ende des 19. Jahrhunderts kamen langen Hosen auf. Für gut – Kirchgang, Hochzeiten, Abendmal – eine schwarze Tuchhose. Werktags wurden Manchesterhosen getragen.
Ein Schmuckstück zu den langen Hosen waren die kunstvoll gearbeiteten Hosenträger. Für Festtage und Kirmes waren sie schön mit Gobelinstickerei verziert.

Strümpfe und Schuhe

Zu den Kniehosen trug man gestrickte Strümpfe, weiß oder naturfarben, für zeremonielle Anlässe schwarz. Die Schuhe waren flache, lederne Schnallenschuhe. Besonderer Schmuck war die große viereckige Messingschnalle.

Quellenverzeichnis

  • Bezirk Mitte der HVT: Wie sei mer da gemostert.
  • Brunhilde Miehe: Der Tracht treu geblieben
  • Eckhard Hofmann, Jürgen Homberger, Wolf Lücking (2009): Tagewerk und Abendmahl, Hessische Trachten. Hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege

Literaturempfehlungen

  • Bezirk Mitte der HVT: Wie sei mer da gemostert. ISBN 3-00-014970-8. kaufen
  • Brunhilde Miehe: Der Tracht treu geblieben
  • Eckhard Hofmann, Jürgen Homberger, Wolf Lücking (2009): Tagewerk und Abendmahl, Hessische Trachten. Hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege. ISBN 978-3-9802466-9-9. kaufen

HVT-Gruppen mit Marburger Katholischer Tracht

Elisabeth Orth

Frauentrachtengruppe Roßdorf
Elisabeth Orth
elisabeth.orth@gmx.de

Peter Kelch

Volkstanz- und Brauchtumsgruppe „Die Marburger“ e.V.
Peter Kelch
peter.kelch@hvt-hessen.de
www.die-marburger.de

Anneliese Schömann

Hessische Volkskunstgilde e.V.
Anneliese Schömann
anneliese.schoemann@hvt-hessen.de
www.hessischevolkskunstgilde.com/

Richard Mengel

Volkstanzgruppe Erfurtshausen
Richard Mengel
mengelrichard@googlemail.com
www.oocities.org/vtg_erfurtshausen/

Jan Hahner

Tanz- und Trachtengruppe Ginseldorf e.V.
Jan Hahner
franziskakissel@web.de
www.tanzgruppe-ginseldorf.de/

Gerlinde Kaufmann-Wieber

Trachtengruppe Niederklein
Gerlinde Kaufmann-Wieber
kaufmann.gerlinde@web.de

Christiane Lusky

Volkstanzgruppe Emsdorf
Christiane Lusky
vorstand@volkstanz-emsdorf.de
www.volkstanz-emsdorf.de

Stephan Theißen

Trachtengruppe Stausebach
Stephan Theißen
stephantheissen@googlemail.com
staff-www.uni-marburg.de/~hill/ttg/

Günter Graff

Trachtengruppe Amöneburg
Günter Graff
graff-guenter@t-online.de

Andreas Böttner

Trachtengruppe Bauerbach
Andreas Böttner
andreasboettner@web.de

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