Rotenburger Tracht

Vorstellung

Frauentracht

Frau in Rotenburger Tracht
Frau in Rotenburger Tracht
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Kopfbedeckung

Die Besonderheit der „Rotenburger Betzel“ ist die Perlenstickerei auf den HaubendeckeIn, und hier, dass immer wieder ein Motiv mit zwei verschiedenen Symbolen im Zentrum vorkommt. Die Haube selbst hat eine äußerst schlichte Form und wirkt dadurch auch besonders kleidsam. Die Grundform bildet das aus drei Teilen geformte „Käppchen“ aus schwarzem oder weißem Material. Der hohe Rand, der durch die Breite des Schleifenbandes bestimmt wird, ist mit dünner Pappe, häufig einem blauen Schulheftkarton, aber auch nur mit Papier oder Zeitung versteift. Innen sind die Käppchen mit Leinen gefüttert. Durch einen Bandzug am hinteren Rand des Käppchens konnte die Weite verändert werden. Um das Zentrum des Haubendeckels, bestickt mit einem Herz oder einem Oval, waren sieben Blütenzweige angeordnet, die aus dieser Mitte „herauswuchsen“.

Nur in ganz wenigen Fällen waren statt der sieben Blüten fünf Blüten oder Blütenzweige gestickt. Eingerahmt war dieses Motiv sehr häufig, bei weißgrundigen Betzeln immer, mit einem Bogen, mehr oder weniger breit, wie von einem Blütenbogen. Diese auf unsere Hauben gestickten Perlen sind nur maximal 1 mm groß und aus Metall oder Glas. Die Metallperlen sind silbern oder golden, die Glasperlchen russisch-grün, flaschengrün, jade, weinrot, kirschrot, erdbeerrot, mittelblau, dunkelblau, schwarzblau, königsblau, weiß, schwarz, lila in den unterschiedlichsten Zusammenstellungen. Die Perlchen wurden mit unglaublich feinen Nadeln auf die Haubendeckel genäht.

Um das Käppchen herum wurde ein 3,20 bis 4,75 m langes, 9 bis 10 cm breites Schleifenband gelegt. Von der vorderen Mitte aus um das Käppchen geführt, wurden die dadurch entstehenden beiden Enden des Bandes hinten mit wenigen Stichen befestigt. Die erste Hälfte des Bandes wurde auf jeder Seite zu je einer Schleife gelegt und geheftet, der Rest des Bandes hing über den Rücken der Trägerin hinab. Die Bänder, die nicht in Schleifen gebunden waren wurden so drapiert, dass sie, von vorn gesehen, den Eindruck eines Schleiers ergaben.

Zwei festere Bänder die an den Seitenteilen des Käppchens mit Stecknadeln befestigt waren, wurden unter dem Kinn zu einer Schleife gebunden. Die verwendeten Bänder waren ausschließlich schwarz. Es wurden gern Moire-Bänder mit Fransenkante oder Schmuckbänder mit eingewebtem Tulpen- oder Leitermuster verwendet. Die langen, über den Rücken herunterhängenden oder vorn auf der Brust getragenen Bänder sind am Bandabschluss vielfach mit kleinen Glasperlen verziert. Die einfachere Art des Bandabschlusses bestand in dem Ausfransen der Kettfäden, wobei die Fransen mit einer gleich breiten Lücke abwechselten.

Die weißgrundigen Betzeln

Rotenburger Tracht weissgrundige Betzel der Frau
Rotenburger Tracht weissgrundige Betzel der Frau
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Bei den weißen Hauben waren nicht nur die Haubendeckel, sondern auch die Seitenteile, an denen die schwarzen Kinnbänder festgesteckt wurden, mit Glasperlen bestickt.

Die graugrundigen Betzeln

Die schwarzgrundigen Betzeln

Rotenburger Tracht schwarzgrundige Betzel der Frau
Rotenburger Tracht schwarzgrundige Betzel der Frau
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Die Witwen- und Abendmahlsbetzeln

Rotenburger Tracht Witwen- und Abendmahlsbetzel der Frau
Rotenburger Tracht Witwen- und Abendmahlsbetzel der Frau
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Die Betzel im Lebenslauf der Frau

Kinder und junge Mädchen trugen keine Betzel. Wenn die junge Frau „unter die Haube gekommen war“, das heißt, wenn sie verheiratet war, bekam sie vermutlich die weißgrundige, mit Perlen reich bestickte Betzel. Die schwarzgrundige Betzel, mit der nicht mehr so farbenprächtigen Perlenstickerei, war wohl reiferen Frauen über 40 vorbehalten. Die schwarze Abendmahls- und Witwenbetzel mit der kleinen silbernen Perlenstickerei auf dem Haubendeckel trug die Frau dann bis zum Tode.

Die Rotenburger Kragenjacke

Rotenburger Tracht Blaue Kragenjacke der Frau
Rotenburger Tracht Blaue Kragenjacke der Frau
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Sie zeichnet sich durch einen schulterbreiten, runden Kragen aus, der durch lange Fransen noch breiter wirkt und mit Samtband oder perlenbesetzter Borte verziert ist. Dieser Kragen ist typisch für die Rotenburger Tracht. Die Keulenärmel sind oben sehr weit gearbeitet, auf der Schulter gekraust oder gefältelt. Gut 15 cm oberhalb des Bündchens ist der Stoff in Falten gelegt, so dass die Bündchen eng am Handgelenk anliegen. Das Ärmelbündchen ist passend zum Kragen verziert. Die engen Jacken in Taillenlänge wurden manchmal mit Haken und Ösen hinten am Rock befestigt. Vorn sind sie etwa 5 cm länger. Über der Brust werden sie mit Haken und Ösen geschlossen, ebenso die Ärmelbündchen. Vorn hat die Jacke zwei Taillenabnäher, der Rücken besteht aus einem oder zwei Teilen (dann mit Mittelnaht) und wird mit zwei bogenförmigen Biesen verziert. Die Farbe ist überwiegend dunkel (grün, blau, braun, schwarz). Besonders bei jungen Frauen waren gemusterte Kragenjacken beliebt.

Frauenröcke

Sie waren aus schwerem Wollstoff, Tuch oder Beiderwand gefertigt. Der Bund war schmal und hielt etwa 2.50 bis 3.00 m Stoffbreite. Dazu musste der schwere Stoff zusammengezogen werden. Um gleichmäßige Abstände zu erhalten, legte man den Stoff um einen hölzernen Stift, und sicherte die so entstandenen Wellen auf der linken Stoffseite mit zwei oder drei übereinander liegenden Reihen von Knüpfstichen. Die Stiftelung begann seitlich über der Hüfte und konzentrierte sich zur Rückenmitte hin. Die Vorderseite des Beiderwandrockes war glatt gearbeitet und oftmals durch einen leichteren, einfachen Leinenstoff ersetzt. Dieser Einsatz wird „Iwest“ genannt. Ein Iwest aus Leinen konnte leicht herausgetrennt und gewaschen werden, wenn bei der Arbeit oder der Kinderbewahrung gerade dieser Fleck schmutzig geworden war. Ein Iwest war auch leichter, drückte darum weniger bei den häufigen Schwangerschaften, er trug auch bei der Arbeit nicht so auf und verbilligte zudem noch die Anschaffung des Rockes. Die Verzierungen des Rockes, Samtbänder und Perlenborten, wurden nämlich vom am Iwest ausgespart, die Schürze deckte doch alles zu. In die rechte Seitennaht wurde eine Tasche, die „Kippe“ eingearbeitet, die linke Naht war nach oben hin zum leichteren Anziehen offen. Geschlossen wurde der Rock durch Haken und Ösen am Bund auf der linken Seite. Der Rocksaum wurde durch eine Kordelborte, auch Binsenborte genannt, vor schnellem Verschleiß geschützt. An der Innenseite war ein bunter Leinen- oder Kattunstreifen von 10 bis 15 cm Breite angebracht.

Schürzen

Rotenburger Tracht Schürze der Frau
Rotenburger Tracht Schürze der Frau
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Die große, weit über die Hüften reichende Schürze gehörte zur Tracht. Sehr beliebt und praktisch waren die Blaudruckschürzen, die man, wenn sie neu und schön waren, auch an Sonntagen anlegte. Es gab Blaudruckschürzen, die beidseitig getragen werden konnten. Sie hatten auf beiden Stoffseiten unterschiedliche Muster. „Gute“ Schürzen aus feinem Wollstoff oder Seide waren oft längs gestreift gewebt, häufig auch unten mit Spitze und Samtband besetzt. Wie die Leinenschürzen wurden sie auf der linken Seite mit Haken und Ösen geschlossen. Oft verdeckte eine kleine Schleife beiden guten Schürzen den Verschluss.

Umschlagtücher

Rotenburger Tracht Umschlagtuch der Frau
Rotenburger Tracht Umschlagtuch der Frau
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Wärmende Umschlagtücher aus Wolle oder Seide gab es in großer Vielfalt. Die Tücher sind etwa 1,40 x 1,40 m groß, Kindertücher messen etwa 1,00 x 1.00 m. Die Ränder sind mit angeknüpften langen Fransen besetzt. Man trug sie um den Hals gelegt, über der Brust gekreuzt und im Rücken oberhalb der Taille gebunden. Sie wärmten so den ganzen Oberkörper und schmückten gleichzeitig.
Auf eine Besonderheit soll noch kurz hingewiesen werden: Die „Freud- und Leidtücher“. Diese Tücher waren aus Seide gefertigt, nur 1 ,00 x 1,00 m groß und hatten auf zwei nebeneinander liegenden Seiten über eine Ecke helle, freundliche Farben, über die diagonal gelegene andere Ecke aber dunkle, gedeckte Töne. Je nachdem, wie das Tuch gefaltet wurde, signalisierte die Trägerin damit Freude oder Trauer.

Mäntel und Umhänge

Rotenburger Tracht Mantel der Frau
Rotenburger Tracht Mantel der Frau
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Die Mäntel hatten keine Ärmel, es waren Umhänge, unter denen viel Raum war. Alle alten Stücke besitzen den für die Rotenburger Tracht typischen runden Kragen mit schwarzen Fransen, Samtband und Perlenborte. Die Mäntel waren aus bedrucktem Baumwollstoff (oft mit Blümchenmuster) und innen mit warmem, meist weißem Flanellstoff abgefüttert. Der Schnitt war trapezförmig bis kreisrund. Vorn hielt man die Mäntel mit einem besonders schön verzierten, aber relativ leichten Hakenverschluß (Schließe, Spange) aus Blech zusammen. Vor dem Bauch waren an den beiden Rändern innen Griffe angenäht, so daß man den Mantel mit beiden Händen schließen oder mit einer Hand zusammenhalten konnte. Die Mäntel hatten keine Taschen.

Kopftücher und Kapuzen

Rotenburger Tracht Kopftuch der Frau
Rotenburger Tracht Kopftuch der Frau
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Leichte Woll- (Cashmere) oder Leinentücher von etwa 1.00 x 1.00 m Größe wurden als Kopftücher an Werktagen und zur Arbeit getragen. Sie wurden entweder unter dem Kinn oder am Hinterkopf verknotet. Die „besseren“ Tücher für den Sonntag kamen erst gegen Ende des Jahrhunderts auf und lösten die Betzel ab. Sie waren bereits zu einem Dreieck gearbeitet, aus schwarzem Seidengarn oder Wolle locker gestrickt oder gehäkelt, in vielen unterschiedlichen Mustern und Ausführungen und ähnlich den Kapuzen mit Taftband verziert. Unter dem Kinn wurden sie mit Haken und Ösen geschlossen.

Schuhe

Rotenburger Tracht Schuhe der Frau
Rotenburger Tracht Schuhe der Frau
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Frauen trugen Schnürschuhe, Plüschschuhe, Samtschuhe, Hausschuhe, die alle Sohlen und Absätze hatten. Beliebt waren auch die „Kommodschuhe“. Selbstgemacht aus alten Stoffresten wurden die „Latschen“, auch „Batschen“ oder „Dappchen“ genannt. Dieses Schuhwerk hat viele Namen. Die Sohlen waren mit einem besonders starken Leinenzwirn, dem „Batschenzwirn“ dicht gesteppt und recht haltbar. Statt eines Tuchoberteils konnte man auch eine Art Socken auf die Sohle setzen. Sohlen und Absätze von Arbeitsschuhen waren mit Eisen und Nägeln beschlagen, die immer wieder ersetzt werden mußten. Eisenbeschlagene Schuhe trugen auch die Kinder zur Schule. Waren die Sohlen durchgelaufen oder das Oberleder löste sich von der Sohle, wurden sie „geriestert“, geflickt.

Hemden für Frauen

Rotenburger Tracht Hemd der Frau
Rotenburger Tracht Hemd der Frau
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Hemden für Männer und Frauen wurden aus handgewebtem, grobem, weißen Leinen genäht. Die Hemden reichten bis unter das Knie. Unterhosen waren zumindest bei Frauen nicht bekannt. Man trug diese Hemden auch zur Arbeit und in der Nacht. Das Frauenhemd war kragenlos mit etwas weiterem Halsausschnitt. Es hatte vorn einen Schlitz, der oben durch Bändchen zusammengehalten wurde, die man zur Schleife band. In der unteren Hälfte war für größere Beinfreiheit durch einen großen, dreieckigen Zwickel an beiden Seiten des Hemdes gesorgt. Dieser Zwickel lief zum Armloch hin in einer Spitze aus. Die tief eingesetzten langen Ärmel endeten etwas unterhalb des Ellenbogens, hatten kein Bündchen und konnten bei der Arbeit leicht hochgekrempelt werden. Der einzige Schmuck waren Monogramm und Jahreszahl, gestickt in roten Kreuzstichmustern.

Männertracht

Rotenburger Tracht Mann
Rotenburger Tracht Mann
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Gehrock und Zylinder

Rotenburger Tracht Gehrock des Mannes
Rotenburger Tracht Gehrock des Mannes
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An Festtagen, zum Kirchgang, bei Hochzeiten und Beerdigungen wurden diese Kleidungsstücke von den Männern auch auf dem Dorfe getragen. Die schwarze Farbe war „vornehm“ und unterstrich die Bedeutung. Der Gehrock zeichnete sich aus durch die in der unteren Rückenhälfte geteilten „Schlippen“. Diese konnte man manchmal mit Haken (unter der Taschenpatte) und Ösen (unten an der Schlippe) einhängen. Das war sicher praktisch, denn beim Aufsteigen aufs Pferd waren sie weniger im Wege. Gehrock und Zylinder stammen auch aus dem Biedermeier. In der französischen Revolution, entstanden, verdrängte er auch bei uns den dreieckigen Hut mit Zopf. Auch der zusammenlegbare Zylinder, der „Chapeau claque“, war ein praktisches Kleidungsstück. Durch einen kräftigen Schlag auf den Deckel faltete er sich zusammen, ein kräftiger Schlenker oder ein Stoß mit der Faust von unten ließ ihn wieder in die Höhe schnappen.

Hemden für Männer

Das Männerhemd hatte lange Ärmel mit Manschetten, einen Kragen mit Bündchen, vorn eine Knopfleiste, die in eine Falte überging. Den Übergang sicherte ein querverlaufender Riegel. Der Halsausschnitt war eingekraust. Um Bewegungsfreiheit zu schaffen, waren in die Schulterpasse ein dreieckiger Zwickel und unter dem Arm ein viereckiger Zwickel eingenäht. Die Ärmel waren tief eingesetzt, teilweise oben und unten eingekraust und endeten mit dem Ärmelbündchen. Auch die Männerhemden waren mit einem Monogramm versehen. Ein besonders reich besticktes Männerhemd war vermutlich ein Hochzeitshemd.

Quellenverzeichnis

  • Hucke, Horst; Krauß-Neumann, Anneliese; von Natzmer, Susanne (1995): Als die Frau noch unter die Haube kam – Die fast vergessene Tracht im Rotenburger Raum im 19. Jahrhundert. Arbeitskreis ländliche Kleidung im Kreis Rotenburg des 19. Jahrhunderts e.V.. S. 27-30, 34, 41, 43, 52-53, 82, 85-89, 92, 98. 102, 104, 106-108, 110; Bilder S. 21, 28-29, 32-33, 35, 41, 45, 52, 83-86, 88-90, 92-94, 98, 100, 103-105, 107-108, 110.

Literaturempfehlungen

  • Hucke, Horst; Krauß-Neumann, Anneliese; von Natzmer, Susanne (1995): Als die Frau noch unter die Haube kam – Die fast vergessene Tracht im Rotenburger Raum im 19. Jahrhundert. Arbeitskreis ländliche Kleidung im Kreis Rotenburg des 19. Jahrhunderts e.V..

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2 Gedanken zu „Rotenburger Tracht“

  1. Ich suche Kontakt zu der bei Ihrer Literaturliste genannten Susanne von Natzmer, da ich eine Biographie einer ihrer Freundinnen schreibe.
    Auch wenn sie inzwischen gestorben sein sollte (denn sie wird 1947 in einem Brief „Mutter Natzmer“ genannt), bitte ich um Rückmeldung und evtl. Namen anderer Ansprechpartner (sie hatte Töchter). Vielen Dank! Prof. Dr. Ulrich Linse, Hochschule München, Fak. 13 General Studies: linse@hm.edu

    1. Hallo Frau Linse, vielen Dank für Ihre Anfrage. Ihr Verweis bezieht sich auf die Autorin eines Buchs. Bisher konnten wir keinen persönlichen Kontakt herstellen oder feststellen. Gleichzeitig haben wir die Ersteller der Quellenangabe um Recherche gebeten. Sollte sich ein persönlicher Kontakt finden, melden wir uns gerne nochmals per E-Mail bei Ihnen.

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